Einmal Wiesen und zurück

16. Mai 2021

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Es ist einer dieser Sonntage, kennt ihr vielleicht. Relativ spät aufgestanden, lang gefrühstückt, Wetter ist so lala. Gestern war ich relativ lange auf den Streuobstwiesen unterwegs um die Brombeere in die Schranken zu weisen. Deshalb habe ich heute auch nicht so sehr Lust eine lange Tour zu machen. Dennoch, ein wenig geht ja immer. Und nun folgt mir durch das Tor (wie auf dem Eingangs-Bild zu sehen): RAUS IN DIE NATUR!

Insekten und Blüten

Der "Kriechende Günsel" (Ajuna reptans) ist ein relativ früh im Jahr blühender Lippenblütler der von den meisten Menschen als Unkraut angesehen wird. Und dies deshalb weil er schwer zu vertreiben ist. Die Verbreitung gelingt ihm sowohl durch Wurzelrhizome, Samen die direkt bei der Pflanze ausfallen oder Samen die durch Tiere (z.B. Ameisen) weiterverbreitet werden. Er stellt eine frühe Nektarquelle für Hummeln, (Wild-)Bienen und Schmetterlinge dar.

Der Knöllchen-Steinbrech (Saxifraga granulata) übersetzt Körner Steinbrech ist eine in Deutschland besonders geschützte Art. Der Lateinische Name bezieht sich auf seine Anwendung in der Volksheilkunde. Er wurde und wird bei Stein- und Grießleiden (Niere, Blase) angewendet. Der Steinbrech kommt auf extensiv genutzten, gut nährstoffversorgten Trockenrasengesellschaften vor. Das nächste Bild zeigt, dass sich auch die Schwebfliege vom Steinbrech angezogen fühlt.

Auf dem folgenden Bild ist meine vor ein paar Wochen ausgesäte Blumenwiese zu sehen. Blumenwiese ist eigentlich der falsche Ausdruck. Es handelt sich um eine Insektenmischung im oberen Teil der Wiese und etwas weiter unten habe ich Büschelschön (schöner Name finde ich) Phacelia tanacetifolia gesät. Nach unten sollen dann die Sonnenblumen mit ihren großen Blüten den Abschluß bilden. Ich habe eine Fläche geplant die über eine lange Zeitspanne für Nektar und auch Pollen sorgen soll. So können Honigbienen, Wildbienen, Schmetterlinge, Fliegen, Hummeln usw von der Fläche profitieren. Über den Winter bleiben die Stängel der Pflanzen stehen um den verschiedensten Tierarten eine Überwinterungshilfe zu geben. Ausserdem bringen die Sonnenblumen ein gewisses Nahrungsangebot für Vögel und andere Tiere. Die Fläche gehört meinem Nachbarn, der sie aber aus Altersgründen nicht mehr selbst bewirtschaften kann. Und er gab mir freie Hand "auf der Wiese das richtige zu tun", wie er sagte. und so kann ich mich auf ungefähr 300 Quadratmeter austoben.

Die Vergangenheit holt mich ein

Keine Angst, das hört sich schlimmer an als es ist. Mir ist nur heute morgen wieder ein Begriff in den Sinn gekommen, an den habe ich schon seit ewigen Zeiten nicht mehr gedacht. Es war eine Art "flashback", ohne Drogen natürlich. Meine Droge ist die Natur. Aber nun zum Begriff der mir einfiel. Es war der "Bettsaicher", also der Bettpinkler. So wurde früher bei uns der Löwenzahn genannt. Zurückzuführen ist der Name auf den Tee aus dem jungen Löwenzahn der sehr harntreibend ist und man deshalb nach Einnahme sehr oft auf die Toilette muss. Und soll das Ganze nicht ins Bett gehen muss man öfter in der Nacht raus, sonst "saicht man ins Bett". Was verblüffend ist, im französischen heisst er "pissenlit", also Bettpisser.

Völlig unbeeindruckt von dem Ganzen zeigt sich die Fliege die sich auf dem blühenden Löwenzahn niedergelassen hat. Sehr gut auf dem Foto zu sehen dass es sich um eine Fliege handelt. Das Tier hat nämlich nur 2 Flügel, während Käfer, Bienen und Wespen immer zwei Flügelpaare besitzen. Auch schön zu sehen auf dem obigen Bild.

Dabei fiel mir ein Spruch von Christian Morgenstern, passt zwar nicht direkt zum Kontext, fiel mir halt gerade ein bei der Betrachtung der Löwenzahn-Blüte.

Der Mensch ist ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.

Ein weiterer Begriff der mir früher geläufig war, den ich aber nicht mehr benutze ist: "Butterblume", also der Hahnenfuß. Hahnenfuß, von dem es gefühlt Tausende Arten gibt, wurde früher den Milchkühen als Heu gefüttert um die Butter (oder wie es im Murgtal heisst DER Butter) gelber zu machen, Frisch ist der Hahnenfuß giftig, verliert aber nach einiger Zeit der Trocknung seine Giftigkeit. - Als Kinder haben wir immer die Blüten der Taubnessel gepflückt und den Nektar aus den Blüten gelutscht. Da hat sich keiner irgendwelche Gedanken gemacht ob das gesund ist oder hygienisch. Und das war noch der harmlosere Teil meiner "Nahrungssuche" in der Natur. Vielleicht schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mal was darüber. Abschließend kann man sagen, meine Kindheit im Murgtal wäre für viele Leute heute "Leben am Limit". Unten seht ihr die Taubnessel, sie hat keine Brennhaare und ist deshalb "taub".

"Heit isch Sonndig, do brenne die Zengenissel net" Translation: Heute ist Sonntag, da brennen die Brennessel nicht. Und schwups war meine Hand feuerrot, der Nessel war das schlicht egal was für ein Wochentag heute war. Wichtig war, dass man die Brennessel von unten nach oben abstreifte, dann gingen die Brennhaare nicht kaputt und die Ameisensäure konnte nicht durch die kleine Wunde in die Haut gelangen. Mein Vater wusste damit umzugehen, ich leider nicht. Lernen aus Schmerz kann manchmal sehr lehrreich sein.

Und wie ich so an früher denke und die eine oder andere Geschichte aus meinem Leben vor meinem geistigen Auge erscheint, da hätte ich ihn fast übersehen. Ein echter Mann aus dem Wald. Ein Waldmaikäfer in der Wiese.

Erkennbar ein Männchen weil er 7 Antennenblätter hat. Und ein Wald-Maikäfer weil er ein braunes Halsschild hat und sein Hinterteil relativ kurz ist und sich abrupt verjüngt. Er war etwas träge, das Wetter hat ihm vermutlich nicht gepasst, er war noch etwas nass vom Regen. So wie sich im Moment viele Leute über das Wetter ärgern, weil der Regen doch etwas häufiger am Start ist. Auch meine Bienen entwickeln sich nicht so wie es sein sollte, der April war zu kalt und der Mai ist alles andere als ein Wonnemonat. Dennoch, wir brauchen den Regen, daran gibt es keinen Zweifel. Und wenn es euch mal zu sehr ärgert, dann hört euch das Lied von Julia Kautz "Flüssiger Sonnenschein" mal an. Und schon scheint für euch wieder die Sonne.

Mein Hang zum philosophischen Nachdenken beruht auf der einfachen Grundlage, dass ich über das kleinste Stück Natur irgendwelcher Art in höchste Verwunderung geraten kann. (Chr. Morgenstern)